Difference between revisions of "Nr. 32 Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat"

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<sup>1</sup> Siehe Nr. 30 und 31.
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<sup>1</sup> Siehe [[Nr. 30 Die Gesandtschaft in Berlin an das Ministerium des Äußern|Nr. 30]] und [[Nr. 31 Der Gesandte in Berlin an das Ministerium des Äußern|31]].

Latest revision as of 01:50, 17 October 2015

WWI Document Archive > Official Papers > Die Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch 1914 — Volume 4 > Anhang IV. > Nr. 32
Nr. 32
Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

Bericht 423                               Berlin, den 2. August 1914

     Ich habe Ew. Exz. schon teils telephonisch, teils mit Chiffre -
telegramm1 über die Lage berichtet. Danach ist die Hoffnung,
daß England neutral und Italien auf Seiten des Dreibundes bleiben
wird, so ziemlich ganz geschwunden. In England wird wohl alles davon
abhängen, ob man dort die Überzeugung gewinnt, daß die englische
Geschäftswelt bei der bestehenden Unsicherheit mehr verhert als
bei einem Kriege. Auch scheint mir, daß das Verlangen Englands,
Deutschland solle die Neutrahtät Belgiens achten, vom militärischen

     Standpunkt aus kaum zu erfüllen ist. Ich bin zwar nicht in die
Geheimnisse des Generalstabs eingeweiht, möchte aber annehmen,
daß eine schnelle Abrechnung mit Frankreich auf einer anderen
Linie kaum möglich sein dürfte.

     Italien hat damit begonnen, die Erfüllung des Art. 7 des Tripel-
alliance Vertrags zu verlangen, den es dahin auslegt, daß ihm bei
Territorial Veränderungen auf dem Balkan Kompensationen zustehen,
österreich hat diese Berechtigung zwar anfänglich bestritten, hat
aber vor zwei Tagen die italienische Forderung anerkannt. Man hofft
danach in Wien, daß Italien nunmehr seine Verpflichtungen gegen-
über den Alliierten erfüllen würde. Es scheint aber, daß die Furcht
vor England in Rom die Oberhand gewonnen hat. Italien stellt
sich auf den Ew. Exz. bereits geschilderten Standpunkt, daß der
casus foederis nicht vorliege, weil Österreich angegriffen habe, und
behält sich alles vor. Diese schmähliche Haltung wird auch in
Italien empfunden. Der hiesige italienische Botschafter hat vor zwei
Tagen bei Herrn von Jagow, als er solche Andeutungen zu machen
hatte, geweint.

     Man kann heute sagen, daß bei dem bevorstehenden Krieg
Deutschland und Österreich der ganzen Welt gegenüberstehen werden.
Trotzdem ist die Stimmung der hiesigen militärischen Kreise eine
absolut zuversichtliche.

     Bis heute waren die Entschlüsse von Heer und Flotte noch
von dem Stande der diplomatischen Verhandlungen abhängig. Man
wollte, wie ich chiffriert heute gemeldet habe, Frankreich und vor
allem England die Rolle des Angreifers überlassen. Die von einem
französischen Flieger in Nürnberg geworfene Bombe hat die Lage
verändert, und es ist von jetzt an damit zu rechnen, daß nur mehr
militärische Rücksichten entscheiden werden. Von morgen an
wird die Auskundschaftung des französischen Aufmarsches durch
Ballons und Flieger beginnen, und, wie verlautet, wird wohl auch
der deutschen Flotte freie Hand gegeben werden.

     Ich nehme an, daß dann auch dem französischen Botschafter
die Pässe zugestellt werden.

     Über eigentlich militärische Dinge nehme ich Abstand, in
diesem Augenblick zu berichten. Das k. Kriegsministerium ist von
allem unterrichtet und daher besser in der Lage, Ew. Exz. zu in-
formieren.

     Ew. Exz. etc.

                                                            G.  H.  L e r c h e n f e l d

     P. S. Die Pässe werden noch nicht zugestellt, weil man weitere
Angriffe abwarten will. Da die Mobilisation im Gange, wird auf
diese Weise nichts versäumt.


1 Siehe Nr. 30 und 31.