Nr. 350 Der Botschafter in Paris an den Reichskanzler, 29. Juli 1914

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Nr. 350
Der Botschafter in Paris an den Reichskanzler1

                                                  Paris, den 28. Juli 19142

     Im Laufe einer Unterredung mit dem stellvertretenden Minister
des Äußern habe ich einfließen lassen, es sei befremdend, daß der Ge-
danke, daß wir treibend hinter Österreich-Ungarn stehen und damit
verantwortlich würden, wenn aus dem österreichisch-serbischen ein
allgemeiner Konflikt werden sollte, nicht nur in der französischen
Presse zum Ausdruck komme, sondern auch in den Köpfen von hoch-
stehenden Persönlichkeiten zu spuken scheine, die besser belehrt
sein sollten, und in deren Munde derartige Insinuationen unheilvoll
wirken können. Ich wollte nicht deutlicher werden, glaube aber,
daß Herr Bienvenu-Martin mich verstanden hat. Er meinte, die
Presse beschuldige uns nicht, Österreich-Ungarn direkt vorwärts zu
schieben, sondern nur, unseren Verbündeten nicht zurückzuhalten.
Es sei eben schwer anzunehmen, daß Österreich-Ungarn so vorge-
gangen, wie geschehen, wenn es nicht unseres, Rückhaltes sicher ge-
wesen, womit er selbstverständlich nicht andeuten wolle, daß unserer
Versicherung, daß wir von dem Wortlaut der österreichischen Note
nicht vorherige Kenntnis gehabt, nicht unbedingter Glaube beizu-
messen sei. Aber Tatsache sei, daß wir von vornherein erklärt, daß
wir das Vorgehen und die Forderungen Österreich-Ungarns billigten,
und jetzt auch nicht geneigt schienen, unseren Verbündeten auf dem
beschrittenen Wege, der zu schweren Komplikationen führen könne,
aufzuhalten. Ein maßvolles Verhalten Österreich-Ungarns sei aber
Vorbedingung für eine erfolgreiche Vermittelungsaktion. Das beste
Mittel zur Vermeidung eines allgemeinen Krieges sei die Ver-
hinderung eines lokalen. Er meine daher, daß sich die Vermittelung
zunächst das letztere Ziel setzen und Österreich-Ungarn durch die
Zusicherung von Bürgschaften für Serbiens Sühne und künftiges
Wohlverhalten zu beruhigen suchen sollte.
     Ich habe dem Minister erwidert, wir könnten nach alledem,
was Serbien seit seinem Versprechen vom Jahre 1909 gegen die
Doppelmonarchie unternommen habe, ohne von derjenigen Macht
zurückgehalten zu werden, die das Prinzip der europäischen Auf-
sicht aufstelle, nur verständlich finden, daß Österreich-Ungarn sich
jetzt Recht und Ruhe, die ihm nicht gegeben worden, erzwinge. Wir
hätten uns in seinen Streit mit Serbien nicht eingemischt, keinerlei
Einfluß auf seine Entschließungen genommen und könnten dies auch
jetzt nicht tun. Weiteren gefährlichen Folgen des Konfliktes wäre
vorgebeugt, wenn alle Mächte sich zu gleicher Haltung wie wir
entschließen wollten. Wir hätten von vornherein erklärt, daß die
Lokalisierung des Konfliktes das ernste Bestreben der Mächte sein
müsse. Demgemäß würden wir uns an Bemühungen zur Ver-
hinderung einer allgemeinen Konflagration beteiligen, vorausgesetzt,
daß sie nicht darauf abzielen, Österreich-Ungarn gegen seinen Willen
an der Verfolgung seiner nur zu sehr berechtigten Forderungen zu
hindern.

                                                                 v.   S c h o e n


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 29. Juli nachm.