Nr. 35 Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

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Nr. 35
Der Gesandte in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

(Privatbrief)

                                                       Berlin, den 5. August 1914

                    Hochverehrter Freund!

     Soeben erfahre ich, daß der Generalstabschef Generaloberst von
Moltke sich heute über die Lage wie folgt ausgesprochen hat.

     Er wisse auf das bestimmteste, daß zwischen Rußland, Frank-
reich und England ein Angriffskrieg gegen Deutschland für das
Jahr 1917 abgemacht war und vorbereitet wurde. Als Leiter der
Machenschaft betrachtet Moltke Rußland. Man könne es als ein
Glück betrachten, daß durch den Mord in Sarajevo die von den
drei Mächten angelegte Mine schon in einem Zeitpunkt aufgeflogen
sei, in dem Rußland nicht fertig, und die französische Armee sich
in einem Übergangsbtadium befinde. Gegen die drei vollkommen
gerüsteten Staaten würde Deutschland einen schweren Stand gehabt
haben.

     Den Krieg gegen Rußland und Frankreich, wie wir ihn jetzt
zu führen hätten, sei Deutschland, wenn nicht ein besonderes Un-
glück geschehe, zu bestehen stark genug. Der Zutritt Englands zu
den Gegnern erschwere ohne Zweifel unsere Lage, weü die Ver-
proviantierung der Zivilbevölkerung, wenn der Kampf länger dauern
sollte, schwierig werden könnte. Dieser Punkt flöße ihm eine ge-
wisse Sorge ein. Trotzdem habe er entschieden abgeraten, die
englische Neutrahtät um den Preis der Schonung des belgischen
Territoriums zu erkaufen, auch wenn dies mögUch gewesen wäre,
was er nicht glaube. Der Angriff vom Reichsland würde der deut-
schen Armee volle drei Monate gekostet und Rußland einen solchen^
Vorsprung gegeben haben, daß dann auf einen Erfolg auf beiden
Fronten nicht zu rechnen gewesen wäre. Wir müßten über Belgien
gleich mit aller Macht auf Paris losgehen, um mit Frankreich rasch
abzurechnen. Das sei der einzige Weg zum Siege.

     Generaloberst Moltke teilte dann noch mit, daß bisher nur unbe-
deutende Gefechte in Belgien stattgefunden hätten. Morgen aber werde.
Lüttich besetzt werden, das befestigt sei und Verluste kosten werde.
Ein Teil der deutschen Armee sei bereits in Frankreich einmarschiert

     Über die Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz erfahre ich
von anderer Seite, daß die Erwartung, Rußland werde gleich mit
großen Kavalleriemassen einrücken, nicht eingetroffen ist. An
einzelnen Stellen ist Kavallerie, auch eine Kavallerie - Division,
über die Grenze gekommen, aber leicht zurückgeschlagen worden.
Auch die anderen Gefechte bei KaHsch und Tschenstochau sind für
uns gut abgelaufen. Das alles ist aber ohne Bedeutung. Die
Entscheidung wird wohl in nicht zu langer Zeit im Norden Frank-
reichs fallen.

                                                            G.  H.  L e r c h e n f e l d


Zusatz:

Folgende zwei Telephongespräche können nur nach den Abschriften der
Münchener Akten angegeben werden:

1. In München aufgenommen 31. Juli vorm. 7*°.

»Eine Antwort auf die gemeinsame Demarche Englands und Deutsch-
lands ist aus Wien bis nachts 12 Uhr nicht eingelaufen gewesen. Man
erwartet sich in den Berliner maßgebenden Kreisen nicht, daß die Demarche
einen Erfolg haben wir, ist vielmehr überzeugt, daß die zweifellos redlichen
Bemühungen Greys, für die Erhaltung des Friedens zu wirken, den Gang
der Dinge nicht aufhalten werden.

Wir haben gestern Abend, wie immer in diesen Tagen, im Bristol
gegessen, das gegenwärtig eine Art Diplomatenbörse bildet. Wir fanden die
Österreicher noch ernster wie in den letzten Tagen. Sie schwiegen vollständig.

Von den Reisen der bundesstaatlichen Minister hierher kann man sich
hier nur wenig versprechen; zudem besteht noch die Gefahr, daß die Herren
nicht mehr nach Hause kommen könnten«.

2. In München aufgenommen 31. Juli nachm. 8^.
«Es laufen zur Zeit zwei Ultimata:

Petersburg 12 Stunden, Paris 18 Stunden. Petersburg Anfrage nach
Grund der Mobilisierung, Paris Anfrage, ob neutral bleibt.

Beide werden selbstverständlich ablehnend beantwortet werden.

Mobilisierung spätestens Samstag, den i. August um Mitternacht.

Preußischer Generalstab sieht Krieg mit Frankreich mit großer Zuver-
sicht entgegen, rechnet damit, Frankreich in 4 Wochen niederwerfen zu
können; im französischen Heer kein guter Geist, wenig Steilfeuergeschütze
und schlechteres Gewehr.«