Nr. 497 Der englische Botschafter an den Reichskanzler, 31. Juli 1914

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Nr. 497
Der englische Botschafter an den Reichskanzler1

     Sir Edward Goschen has been instructed to make the following
communication to the Imperial Chancellor:

     The proposal that His Majesty's Govemment should bind
themselves to neutrality on the terms proposed cannot possibly be
entertained2.

     The proposal is in effect that so long as Germany does not
take French territory, as distinct from Colonies, His Majesty's
Government should engage themselves to stand aloof while France
is being beaten and her Colonies perhaps annexed. Such a proposal
is unacceptable from a material point of view, for, while no further
territory in Europe might be taken from her, France could be so
crushed as to lose her position as a Great Power and become sub-
ordinate to German policy. But apart from that material conside-
ration, it is the opinion of His Majesty's Government that to make
this bargain with the Imperial Government at the expense of France
would be a disgrace from which the good name of Great Britain
would never recover. Ne ither could His Majesty's Government
entertain the bargain with regard to Belgium, for they are in effect
asked to bargain away whatever obligation or interest they have as
regards her neutrality.

     Under these circumstances, and having said so much, His
Majesty's Government feel that it would serve no useful purpose
to examine whether the prospect of a future general neutrality
agreement between Great Britain and Germany would offer sufficient
positive advantages to compensate His Majesty's Government for
having their hands tied at the present moment. Sir Edward Grey's
answer to the Imperial Chancellor's communication must be that
His Majesty's Government must reserve their füll freedom to act
as circumstances may seem to them to require in the event of the
crisis developing in the unfavourable manner contemplated by the
Chancellor.

     Sir Edward Goschen is instructed to add most earnestly that
one way of maintaining good relations between England and Germany
is that the two countries should continue to work together to pre-
serve the European peace ; if they succeed in that object the mutual
relations of Germany and England will, in Sir Edward Grey's opinion,
be ipso facto strengthened and improved. His Majesty's Government
will work with all sincerity and good will in pursuance of that object .

     Sir Edward Grey adds that if this crisis can be safely passed
and the peace of Europe preserved, his own object would be to
promote some arrangement to which Germany could be a party and
by which she could be assured that no aggressive or hostile policy
would be pursued against her or her allies by Russia, France or
Great Britain, either separately or jointly. Sir Edward Grey has
desired this and worked for it as fax as lay in his power all through
the last Balkan crisis; and as Germany had a corresponding object,
the relations between the two countries showed sensible improve-
ment. Sir Edward Grey says that the idea of such an arrangement
has hitherto been regarded as too Utopian to form the subject of
definite proposals, but if this present crisis, which is more acute
than any which Europe has for generations had to face, be safely
passed, he nourishes the hope that the relief and reaction that will
ensue may render possible some more definite rapprochement
between the Powers than has hitherto proved feasible.


                                             Ü b e r s e t z u n g

     Sir Edward Goschen ist beauftragt worden, dem Reichskanzler folgende
Mitteilung zu machen:
     Auf den Vorschlag, daß Sr. M. Regierung sich zur Neutralität unter den
vorgeschlagenen Bedingungen verpflichten solle, kann unmöglich eingegangen
werden.
     Der Vorschlag geht tatsächlich dahin, daß, solange Deutschland nicht
französisches Gebiet mit Ausschluß der Kolonien in Besitz nimmt, Sr. M. Re-
gierung sich verpflichten sollte, abseits zu stehen, während Frankreich ge-
schlagen und vielleicht seiner Kolonien beraubt würde.
     Ein solcher Vorschlag ist unannehmbar, und zwar von einem sachlichen
Gesichtspunkt aus, denn Frankreich könnte, selbst wenn ihm kein weiteres
Gebiet in Europa genommen würde, so niedergeworfen werden, daß es seine
Stellung als Großmacht einbüßt und der deutschen Politik sich unterordnen
muß. Aber abgesehen von dieser sachlichen Erwägung ist Sr. M. Regierung
der Meinung, daß der Abschluß dieses Handels mit der k. deutschen Regierung
auf Kosten Frankreichs eine Schmach wäre, wovon der gute Name Groß-
britanniens sich niemals erholen könnte. Auch könnte Sr. M. Regierung sich
auf den Handel im Hinblick auf Belgien nicht einlassen, denn tatsächlich
wird von ihr verlangt, auf jedwede Verpflichtung und jedwedes Interesse mit
Beziehung auf die Neutralität Belgiens bei dem Handel zu verzichten.
     Unter diesen Umständen und nach dem Gesagten ist Sr. M. Regierung
der Ansicht, daß es keinem nützlichen Zweck dienen würde zu prüfen, ob
die Aussicht auf ein künftiges allgemeines Neutralitätsabkommen zwischen
Großbritannien und Deutschland genügende positive Vorteile bieten würde,
um Sr. M. Regierung dafür zu entschädigen, daß ihr die Hände im gegen-
wärtigen Zeitpunkt gebunden werden.
     Sir Edward Greys Antwort auf die Mitteilung des Reichskanzlers muß
dahin lauten, daß Sr. M. Regierung sich ihre volle Freiheit vorbehalten muß,
so zu handeln, wie es nach ihrer Ansicht die Umstände erfordern, falls sich
die Krise in der ungünstigen Art entwickelt, wie sie der Kanzler in Betracht
gezogen hat.
     Sir Edward Goschen ist beauftragt, sehr eindringlich hinzuzufügen, daß
ein Weg zur Erhaltung guter Beziehungen zwischen England und Deutsch-
land darin besteht, daß beide Länder fortfahren sollten, gemeinsam an der
Wahrung des europäischen Friedens zu arbeiten; wenn sie diesen Zweck
erreichen, so werden nach Sir Edward Greys Meinung die gegenseitigen Be-
ziehungen von Deutschland und England — ipso facto — gekräftigt und
gebessert werden. Sr. M. Regierung wird in aller Aufrichtigkeit und mit gutem
Willen an der Verfolgung dieses Zieles arbeiten.
     Sir Edward Grey fügt hinzu, daß, wenn diese Krise glücklich vorüber-
geht und der Friede Europas gewahrt werden kann, er sich dafür einsetzen
werde, ein Übereinkommen zu fördern, an dem Deutschland teilnehmen
könnte und wodurch es Sicherheit erhielte, daß Rußland, Frankreich und
Großbritannien weder einzeln noch gemeinsam eine aggressive oder feindselige
Politik gegen Deutschland oder dessen Verbündete verfolgen. Sir Edward
Grey hat während der ganzen letzten Balkankrise diesen Wunsch gehegt und
— soweit es in seiner Macht lag — dafür gewirkt, und da Deutschlands
Ziel damit übereinstimmte, so zeigte sich in den Beziehungen beider Länder
eine merkliche Verbesserung.
     Sir Edward Grey meint, daß der Gedanke einer solchen Vereinbarung
bisher als zu utopisch angesehen wurde, um den Gegenstand bestimmter Vor-
schläge zu bilden, aber wenn die jetzige Krise, die schärfer ist als irgend eine,
die Europa seit Generationen durchzumachen hatte, glücklich vorübergeht, so
hegt er die Hoffnung, daß das Gefühl der Erleichterung und der Entspannung,
das darauf folgt, eine viel entschiedenere Annäherung zwischen den Mächten
zeitigen werde, als sich bisher als möglich erwiesen hat.


1 Nach der nicht datierten und nicht unterzeichneten Ausfertigung. Eingangs-
vermerk des Auswärtigen Amts: 31. Juli nachm. — Vgl. englisches Blau-
buch Nr. 101 und Nr. 109.
2 Siehe Nr. 373.