Nr. 558 Der preußische Gesandte in Stuttgart an den preußischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten (Reichskanzler), 1. August 1914

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Nr. 558
Der preußische Gesandte in Stuttgart an den preußischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten (Reichskanzler)1

Geheim !                               Stuttgart, den 31. Juli 19142

     Der Ministerpräsident machte mir soeben Mitteilung über ein
Privatgespräch über die politische Krisis, welches er gestern mit
meinem hiesigen russischen Kollegen gehabt habe; derselbe sei direkt
von Paris gekommen, wo er nach seiner Angabe auch Iswolski ge-
sehen habe. Herr Lermontow habe überwiegend abgedroschene
Argumente ausgekramt, auf die er ihm die Antwort nicht schuldig
geblieben sei; als vielleicht bemerkenswert hob mir Herr von
Weizsäcker hervor, daß der Russe betont habe, die Kabinette von
Paris und Petersburg seien im Grunde ihres Herzens durchaus nicht
kriegslustig, wohl aber das Londoner, welches darauf rechne, daß
bei einem universellen Kriegsbrande die den Engländern nach wie
vor höchst unbequeme und von ihnen als bedrohlich empfundene
Machtstellung Deutschlands auf jeden Fall erheblich geschwächt
werden dürfte ; der Minister hatte aber, wie er mir sagt, nicht den
Eindruck, daß die Tiraden Lermontows auf etwas Tatsächlichem
basierten, hält vielmehr dafür, daß die Giftmischer an der Seine und
an der Newa sich wieder einmal etwas ausgedacht haben, womit sie
uns nur bluffen wollen. Herr von Weizsäcker stellte mir anheim,
Ew. Exz. diesen seinen Eindruck zu melden.
     Übrigens hat mein russischer Kollege bei dieser Gelegenheit
harte Wahrheiten zu hören bekommen ; so z. B. als er darauf zu
sprechen kam, daß Rußland die Serben nicht verlassen könne, und
ein Wort des Zaren zitierte von den »correligionnaires, die man
schützen müsse«. Da hat ihm der Minister crüment erwidert, seiner
Ansicht nach »müsse ein jeder, der noch einen Funken monarchischen
Gefühls in sich habe, von den Belgrader Fürstenmördern abrückena
und weiter : »in Belgrad gehe jetzt die Drachensaat auf, welche
russische und französische Hetzer seit langem ausgestreut hätten«.
     Die naheliegende Frage, was Herr Lermontow mit der Dis-
kussion so heikler Themata wohl bezweckt haben möge, beantwortete
mir der Minister dahin : »möglich, daß er mir nur sein Herz hat
ausschütten wollen, vielleicht beabsichtigte er aber auch ein bißchen
zu hetzen, zumal er ja von Iswolski kam«.
                                                                           B e l o w


1 Nach der Ausfertigung.
2 Eingangsvermerk des Auswärtigen Amts: 1. August nachm.