Nr. 81. Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtigen Amt, 19. Juli 1914

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Nr. 81.

Der Botschafter in Konstantinopel an das Auswärtige Amt1

Telegramm 352                     Therapia, den 19. Juli 19142
























richtig.




keine Einigkeit !

     Talaat Beï sagte mir, die türkisch-griechischen
Verhandlungen nähmen guten Fortgang. Die Idee
der Errichtung eines Süzeränen Fürstentums unter
einem griechischen Prinzen sei aufgegeben. Dagegen
sei jetzt eine Art Autonomie unter einem von der
Türkei und Griechenland gemeinsam zu ernennenden
Generalgouverneur geplant. Auch das militärische
Besetzungsrecht solle gemeinsam ausgeübt werden
nach dem Vorbild des ehemaligen Regimes im Sand-
schak. Griechenland bestehe auf Defensivbündnis.
Er trete dafür ein, daß die Pforte den Bündnisan-
trag annehme. Früher sei er für Anscliluß an Bul-
garien gewesen, habe sich aber in Rumänien und
durch mich überzeugen lassen, daß das Bündnis mit
Griechenland vorzuziehen sei. Großwesir werde dem-
nächst zwecks Finalisierung des Übereinkommens
mit Veniselos in Brüssel zusammentreffen.
     Falls die Türkei mit Griechenland sich verbündet
und Bulgarien sich inzwischen Österreich bzw. dem
Dreibimd angeschlossen hat, so könnte der Fall
eintreten, daß Bulgarien gleichzeitig mit Österreich
Serbien angreift, wobei Griechenland Serbien Hilfe
bringen müßte, dann wäre der casus foederis für
die Türkei gegeben, die ihrerseits gegen den Bundes-
genossen Bulgariens Österreich, also auch gegen uns,
marschieren müßte. Dazu würde sie sich aber nur
entschheßen, wenn das griechisch-türkische Bündnis
vorher unter den Schutz Rußlands bzw. der Triple-
Entente gestellt wäre.
     Ich habe heute dem Großwesir unter vorsich-
tigem Hinweis auf die Möghchkeit einer ernsteren
Wendung der serbisch-österreichischen Beziehimgen
nahegelegt, vor Klärung der Lage keinerlei Bündnisse3
zu finalisieren4 .
     Großwesir sagte mir, in der Bündnisfrage habe
nicht Talaat Bei, sondern er das letzce Wort. Er
werde zwar mit Veniselos demnächst zusammen-
treffen, gedenke aber nicht auf den griechischen
Bündnisantrag einiugehen. Die Inselfrage lasse sich
voraussichtlich auch ohne Bündnis lösen.
     Prinz Said Hahm bemerkte schheßlich, daß
die Verhandlungen zwischen Talaat Bei und Venise-
los in letzter Zeit unter Vermittlung Herrn Dillons
geführt worden seien.

                                                            W a n g e n h e i m


1 Nach der Entzifferung.
2 Aufgegeben in Therapia 19. Juli 7^° nachm., angekommen im Auswärtigen
Amt 9I nachm.; Eingangsvermerk des Amts: 20. Juli vorm. Am 20. Juli
von Jagow nach Vornahme einiger Änderungen und Umstellungen und mit
Auslassung des Absatzes »Prinz Said geführt worden seien« tele-
graphisch dem Kaiser mitgeteilt, aufgegeben in Berlin 5' nachm., ange-
kommen im Hollager \i^ nachm., Entzifferung des Hoflagers vom Kaiser
zurückgegeben 21. Juli, in BerUn eingetroffen 23. JuU. Kaiser befahl durch
Randverfügung Mitteilung an die Vertretung in Athen. Abschnitte »Talaat
Beï sagte mir . . . . . . . . . Bündnisantrag annehme« (mit kleiner Änderung) und »Großwesir sagte mir . . . . . . . . . . ohne Bündnis lösen« waren aber schon vorher, am 20. Juli, durch Erlaß dem Geschäftsträger in Athen »zur persönlichen Information« mitgeteilt. 3  »Bündnisse« von Jagow im Telegramm an den Kaiser unterstrichen.
4 Satz »Ich habe heute finalisieren« lautet in Jagows Telegramm an
den Kaiser: »Es wäre daher angesichts der Möglichkeit einer ernsteren Wen-
dung der serbisch-österreichischen Beziehungen wohl besser, wenn vor
Klärung der Lage keinerlei Bündnisse tinalisiert würden.« Dazu die
obenstehende Randbemerkung des Kaisers.