Nr. 9 Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

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Nr. 9
Der Geschäftsträger in Berlin an den Vorsitzenden im Ministerrat

Bericht 400                                         Berlin, den 26. Juli 1914

     Die Nachricht von der Ablehnung der Forderungen Österreichs durch Serbien, die hier gestern am späten Abend bekannt wurde, ist von der Bevölkerung von Berlin mit warmer Anteilnahme für die ver- bündete Donaumonarchie aufgenommen worden. Allenthalben bildeten sich Menschengruppen, die sich zu großen Zügen verbanden und unter Absingung patriotischer Lieder und unter Hochrufen auf die ver- bündeten Häuser Hohenzollern und Habsburg vor dem Schloß, dem Palais des Reichskanzlers und der österreichisch -ungarischen Bötschaft demonstrierten. Was diesen Demonstrationen, die auch heute noch fortdauern, ihren besonderen Stempel aufdrückt, ist der Umstand, daß die Teilnehmer sich nicht, wie dies hier sonst der Fall zu sein pflegt, aus den unteren Schichten der Bevölkerung zusammensetzten, sondern überwiegend den gebildeten Ständen angehören, ein Beweis, wie sehr im Publikum Verständnis dafür besteht, daß es sich bei dem Kampfe, dem die Donaumonarchie entgegengeht, im Grunde um die Abwehr des slawischen Ansturms gegen germanisches Wesen handelt, und daher der Kampf auch für uns geführt wird.

     Leider haben die Demonstranten, anstatt sich damit zu be- gnügen, ihre Sympathie für Österreich zu bekunden, sich auch zu einigen, wenn auch nicht sehr bedeutenden unfreundlichen Kund- gebungen vor der russischen Botschaft und vor der serbischen Ge- sandtschaft verleiten lassen. Dieser Umstand hat Anlaß zu einem mit »Ruhig Blut« überschriebenen Artikel gegeben, der in einem soeben erschienenen Extrablatt des »Berliner Lokaianzeigersa enthalten ist und in dem es, offenbar offiziös, heißt:

     »Demonstrationen gegenüber den Vertretern der be- teiligten und unbeteiligten Mächte, die die Interessen ihrer Länder mit der gleichen Würde vertreten wie die unsrigen im Auslande, sind sinn- und zwecklos, sind Übel in der Hauptstadt des Deutschen Reiches. Das sollte für jeden unserer Mitbürger ausnahmslos die Parole sein für die kom- menden Tage! « 

     In dem Auswärtigen Amt, in dem ich heute wiederholt Erkun- digungen eingezogen habe, liegen an positiven Nachrichten nur die der Ablehnung der österreichischen Forderungen durch Serbien mit dem darauffolgenden Abbruch der diplomatischen Beziehungen und der teilweisen Mobilmachung der österreichisch-ungarischen Armee vor.

     An amtlichen Meldungen aus Rußland fehlt es mit Ausnahme eines Telegramms des Militärbevollmächtigten bis zur Stunde voll- kommen. General von Chelius berichtet auch nur, daß die öster- reichische Note im russischen Hauptquartier große Erregung hervor- gerufen habe, und daß von der Absicht, mobil zu machen, gesprochen werde. Auch die Agenten des Großen Generalstabes melden von Maßnahmen, die auf den Beginn der Mobilmachung in Rußland schheßen lassen.

     Daß die ablehnende Haltung der serbischen Regierung nicht ohne Zutun Rußlands erfolgt ist, gilt im Auswärtigen Amt als sicher. Die Situation wird daher an maßgebender Stelle »als durchaus kritisch« beurteilt. Gleichwohl hält man hier an der Hoffnung fest, daß England und Frankreich, denen beiden zur Zeit ein europäischer Krieg im höchsten Maße unwillkommen wäre, auf Rußland in mäßigendem Sinne einwirken werden.

     Die Meldung einiger Pariser Blätter, daß Deutschland bei der französischen Regierung eine Demarche unternommen habe, der der Charakter einer Drohung zukomme, ist durchaus unzutreffend. Die Reichsleitung hat vielmehr, wie ich es Ew. Exz. schon vor 8 Tagen als ihre Absicht anzukündigen die Ehre hatte1, in Paris, Petersburg and London gleichmäßig dahinzielende Schritte unternommen, daß die Mächte den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien als eine Angelegenheit betrachten, die diese beiden Staaten allein angehe und deshalb lokalisiert bleiben müsse. Weder auf dem Auswärtigen Amt noch auf der österreichisch-ungarischen Botschaft liegen irgend- welche Nachrichten aus Belgrad vor, wo, nach Zeitungsmeldungen, schon geschossen werden soll. Da Projektile auf dem österreichischen Donauufer nicht wahrgenommen wurden, würde es sich, nach diesen wenig wahrscheinlichen Gerüchten, um in Belgrad ausgebrochene innere Unruhen handeln. Ob etwa von österreichischer Seite schon mit einer kriegerischen Aktion begonnen worden ist, ist hier gleich- falls nicht bekannt.

     Der Schutz der österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen in Alt-Serbien ist von Deutschland übernommen worden. In den neu- serbischen Gebieten, in denen Deutschland keine Konsulate unter- hält, wohl aber Italien, soll dieser Schutz den italienischen Behörden übertragen werden.

     Bei dem Emst der Lage, bei der auch für uns rasche Ent- schlüsse sich als nötig erweisen können, erschien sowohl dem Kaiser wie der Reichsleitung die Rückkehr Sr. M. erwünscht. S. M. werden heute nacht in Potsdam eintreffen.

     Genehmigen Ew. Exz. usw.

                                                                           v.   S c h o e n


1 Siehe Bericht 386 vom 18. Juli, Nr. 2.